Von der einst gefährlichsten Stadt der Welt, Medellín, nahmen wir den Bus nach Guatapé, das an dem vermutlich malerischsten Stausee der Welt liegt: dem Embalse del Peñol. Klar, dass hier auch Pablo Escobar eine Finca besaß, die jedoch bei einem Attentat zerstört wurde. Er selbst konnte durch einen unterirdischen Fluchtweg entkommen. Übrigens sollte man seinen Namen in Kolumbien besser nicht laut in der Öffentlichkeit aussprechen, sondern Harry Potter-mäßig von Du-weißt-schon-wer reden.
Nach Guatapé ruckelt man fast zwei Stunden durchs kolumbianische Hinterland. Sobald wir uns dem Stausee näherten und den ersten Blick aufs Wasser erhaschten, wussten wir: Guatapé und sein Piedra del Peñol wird uns ganz schnell aus unserem Reisetief herausholen!
Nachdem uns der Bus im Stadtzentrum herausgelassen hatte, schnappen wir uns ein Tuktuk um zu unserem etwas außerhalb gelegenen Hostel (Boutique Hostal de Encuentro) zu fahren. Eigentlich läuft man nur 10 Minuten, aber für umgerechnet 1 € kann man sich den Gepäcktransport schon mal gönnen.
Guatapé verzauberte uns auf den ersten Blick. Also buchten wir zu der eigentlich nur einen geplanten Nacht spontan eine zweite hinzu. In das Hostel wurde so viel Liebe gesteckt; man sieht es einfach jeder Ecke an. Außerdem hat es einen privaten Seezugang, von dem man der Sonne beim Untergehen zusehen kann - mit Blick auf den Piedra del Peñol wohlgemerkt.





Und genau zu diesem Felsen machten wir uns als Erstes nach dem Einchecken auf. Der Piedra del Peñol bzw. Peñon de Guatape (man ist sich über den Namen nicht einig) ist ein Monolith, der den Stausee um 200 m überragt. In seinen Hang wurden 700 Treppenstufen eingelassen und sein Gipfel wurde mit einem Türmchen gekrönt, so dass man nach dem Aufstieg mit einem 360 Grad Ausblick belohnt wird.



Und was für ein Ausblick das ist!



Ganz witzige Hintergrundgeschichte: Noch immer streiten sich die beiden Orte Guatapé und El Peñol, zu wem denn der Fels nun gehört (deswegen auch die zwei Namen). In einer Nacht- und Nebelaktion haben die Guatapéaner begonnen ihren Ortsnamen in großen weißen Buchstaben auf den Monolith zu malen. Das blieb jedoch nicht lange unbemerkt, so dass die Aktion abgebrochen wurde, als sie gerade man das G und ein halbes U fertig gestellt hatten.
Zurück in Guatapé schlenderten wir durch die bunten Gassen des Dorfes. Denn nicht nur ist der Stausee der schönste der Welt, sondern Guatapé selbst auch eines der malerischsten Dörfer Kolumbiens. Hier braucht man nicht nach Fotomotiven oder fotogenen Ecken suchen - das Dorf ist wie eine Postkarte, in der man umherspaziert.





Zu einem Besuch der Region Paisa gehört natürlich auch das Nationalgericht Bandeja Paisa zu essen. Frei nach dem Motto Einmal alles, bitte! besteht die Platte aus Schweineschwarte, Würstchen, Bohnen, Reis, Spiegelei, Kochbanane, Arepa und Avocado. Möglicherweise ist die Bandeja Paisa andernorts lecker, jedoch war sie in dem Restaurant, in dem wir sie bestellt haben, so ziemlich das Ekligste, was wir je gegessen haben!

Mit völlig überfüllten Mägen - obwohl wir unsere Platten nicht annähernd leer gemacht haben - kehrten wir zurück in unser Hostel. Leider war der Schlafkomfort in unserem Zimmer doch nicht so hoch, wie wir erhofft hatten. Das lag vor allem an der höchst seltsamen Konstruktion, dass sich unser Privatzimmer und ein Dorm ein Bad teilten, das an beide Räume angrenzte und nach oben offen war. Naja, könnt ihr euch ja denken, wie es um den “Lärmschutz” stand… Zu dem Schlafmangel kam, dass Jan die Erkältung, die er sich während unserer Tour durch die Wüste Guajira eingefangen hatte, wieder eingeholt hat.
Unser Hostel hatte uns für den nächsten Tag eine Wanderung entlang des Stausees ans Herz gelegt, zu der ich mich also alleine auf den Weg machte. Da diese nur drei Stunden dauern sollte und es recht bewölkt war, steckte ich zwar im letzten Moment noch eine 0,5 Liter Flasche Wasser ein, aber keine Sonnencreme oder Kopfbedeckung.
Rund um den See scheinen vorwiegend betuchtere Kolumbianer zu wohnen oder ihre Ferienhäuser zu haben. Es war wirklich idyllisch! Zu sehen bekam ich vorwiegend ihre fleißigen Gärtner, die nicht satt wurden mir mitzuteilen, wir lang der verbleibende Weg zum Piedra del Peñol noch sei.




An einer Weggabelung war ein Kloster ausgeschildert. Warum nicht? Ich hatte ja Zeit, das Wetter war schön… Aus dem Abstecher wurde dann leider ein recht langer Aufstieg. Dafür wurde ich mit herrlicher Ruhe belohnt! Weder der Wanderweg noch das Kloster scheinen von Touristen aufgesucht zu werden.



Kaum war ich zurück auf dem Hauptweg und eine halbe Stunde gelaufen, war schon das nächste Kloster angepriesen. Hach, ich kann so schlecht etwas auslassen. Also ging es auch hier den Hügel rauf. Zum Glück fiel dieser etwas kürzer aus als sein Vorgänger. Was für eine Lage für ein Kloster! Und auch hier: keine Menschenseele.




Langsam hatte sich die Wolkendecke ganz und gar verzogen und die Sonne schien gnadenlos auf mich herab. Der Weg hoch über dem See entlang Wiesen und Wäldern spendete überhaupt keinen Schatten. Sonnenbrandalarm!!! Also zog ich mir die Kapuze meines Pullis über den Kopf und so gut es ging auch bis über die Stirn.

Zwei Stunden war ich schon unterwegs, und ein Blick auf Google Maps verriet, dass ich gerade mal die Hälfte des Weges zum Fels geschafft hatte. Also hieß es von nun an: weniger Fotos und mehr Wandern! Aber jedes Mal, wenn ich nach zehn Minuten laufen das GPS checkte, war ich kaum vom Fleck gekommen. Ich konnte den bevorstehenden Sonnenbrand schon fühlen.




Als ich drei Viertel des Weges zurückgelegt hatte und mir ausrechnete, dass es noch etwa eine Stunde zum Piedra del Peñol sein müsste (von wo es zwar immer noch 4 km zu unserem Hostel wären, aber immerhin kann man von dort ein Tuktuk nehmen), hielt ein Motorrad neben mir. Der Fahrer fragte mich, ob ich eine Mitfahrgelegenheit bräuchte. Mama, jetzt kurz nicht weiterlesen, aber ich dachte mir: Gott sei Dank und sprang auf. Als wir dann mit gefühlten 70 km/h über die Huckelpiste bretterten, wurde daraus eher ein Oh Gott, was habe ich mir dabei nur gedacht?! Vor allem als ich bei einem Hügel regelrecht vom Sattel abhob.
Der Fahrer meinte nur Es seguro!, was so viel heißt wie Mach dir nicht in die Hose, Kleines!, als er meinen ängstlichen Blick bemerkte. Oder womöglich bewirken wollte, dass sich meine Finger etwas weniger in seine Schulter krallten. Ich dachte vor allem darüber nach, ob meine Auslandskrankenversicherung für einen Unfall wohl eintreten würde oder ob das irgendwie unter fahrlässiges Verhalten fällt…
Mein Wohltäter war übrigens der Besitzer des Cafés auf dem Turm des Piedra del Peñol, was ich ihm angesichts seines Top-Motorrads sogar glaube. Nach schweißtreibenden zehn Minuten Fahrt waren wir am Fuße des Felsens angekommen, ich sprang ab und der Kolumbianer ratterte davon. Überlebt!



Von Guatapé fuhren wir am nächsten Tag zurück in die 4-Millionen-Stadt Medellín. Hier hatten wir bereits vor unserem Ausflug an den Stausee eine Trinkgeld basierte Stadtführung (bekannter als Free-Walking-Tour, die aber nicht ganz so free ist) mitgemacht.





Auch wenn Medellín optisch keine Perle ist, war die Stadtführung aufgrund all der Infos zur politischen Geschichte Kolumbiens sehr spannend. Vor allem, da der Guide Juan selbst in den 90ern in Medellín aufgewachsen ist und das Leben in der damals gefährlichsten Stadt der Welt am eigenen Leib erfahren hat. Zwei seiner Onkel wurden entführt und er erlebte mit wie vier seiner Freunde bei einer willkürlichen Schießerei ums Leben kamen. Er selbst kam mit einem Schuss in den Oberschenkel davon.


Diese persönlichen Geschichten sind für mich jedes Mal das Wertvollste, das wir beim Reisen erfahren dürfen.
Auch spannend - aber ein ganz anderes Thema - waren unsere Mitbewohner Hannah und Xavier im AirBnB in Medellín: Das australisch-französische Pärchen hat einen Film über eine Kaffee-Kooperative in der Sierra Nevada de Santa Marta gemacht, die den indigenen Jugendlichen eine Perspektive bietet nicht in die Städte zu flüchten. Eine interessante Ergänzung zu der perspektivlosen Zukunft, die uns während unserer Wanderung zur Ciudad Perdida aufgezeigt wurde.
Natürlich nahmen wir auch die Seilbahn über die Armenviertel hoch zum Naherholungsgebiet Parque Arví:




Kleiner Tipp: Kommt nicht auf die Idee Euch in Kolumbien Ohropax kaufen zu wollen. Ich habe den Satz ¿Se vende tapónes para los oídos? mindestens zwanzig Mal in zwanzig verschiedenen Apotheken angewendet, bevor wir in Gringolandia (Medellíns Stadtviertel Poblado) endlich fündig wurden!

